|
You need to upgrade your Flash Player
Click here to start downloading FlashPlayer!
|
In Irkutsk angekommen und halte auf dem Bahnsteig wie verabredet Ausschau nach Luc und Carlo. Die beiden steuern auf mich und die Leute mit den Namensschildern auf dem Bahnsteig zu. Carlo fragt seine "Kontaktperson", ob ich mitfahren darf; natuerlich, aber gegen Cash. Ich werde an einen Untergebenen weitergereicht, da der Chef erstmal alle gebuchten Gaeste versorgen muss. Ich gehe mit dem jungen Kollegen mit, der mir bei der Besorgung des Zugtickets helfen soll, da ich vorher angedeutet habe, dass ich erstmal mein Ticket nach UlanBator besorgen moechte, bevor ich irgendwo hin fahre. Im internationalen Ticketing Office im 2. Stock des Bahnhofs warten wir, bis die Schalter oeffnen, ich hole noch schnell ein paar Rubel vom Automaten. Der junge Russe redet schnell, zaehlt schnell Geld und hat genauso schnell mein Ticket besorgt und mir die Quittung fuer die Provision in die Hand gedrueckt. War ja eigentlich klar, soviel Hilfsbereitschaft von Anfang an, das konnte nicht umsonst sein. Wenigstens spuert man in Irkutsk schon eher sowas wie Geschaeftssinn, was andernorts wohl oft noch von dem Service- und Freundlichkeitsdenken aus den Jahrzehnten vor dem Zusammenbruch der SU ueberlagert wird. Die aelteren Ossis duerften das wohl noch aus der HO Gaststaette kennen, ich ja nur vom Hoerensagen. Aber es ist nicht selten, dass man als Kunde, im doppelten Sinn des Wortes, ewig bloed neben der Frau im Magasin steht, waehrend sie noch mit einer Freundin den Vortag auswertet oder sich mit einer Nachbarin ueber irgendwelche Lapalien streitet, bevor sie einen nur eines Blickes wuerdigt. Andererseits zeigt das auch, dass die Uhren hier meistens noch langsamer ticken, was ja auch seine angenehmen Seiten hat.
Nachdem die Formalitaeten geklaert sind, fahre ich mit dem naechsten Transport der Firma BailkalComplex fuer 150 Rubel nach Listwjanka, was etwa 70 km von Irkutsk direkt am Baikalsee liegt. Der Bus waere sicher billiger gewesen, aber ich bin irgendwie immer noch nicht besonders energiegeladen, kein Wunder nach dem bisherigen Verlauf. Ich bin froh, dass alles so unkomliziert laeuft und ich mich um nichts kuemmern muss. Ich freue mich schon endlich frische Luft zu schnuppern und ein paar Tage an einem Ort sein zu koennen.Auf dem Weg nach Listwjanka erklaert die junge "Reiseleiterin", die fast akzentfrei Deutsch spricht, einer alten Dame aus der Schweiz und mir alle Einzelheiten ueber den Ort. Die Schweizerin hat an diesem Tag Geburtstag und wird 66, macht allein die Transsibtour und will natuerlich auch nur mit dem lokalen Bus fahren etc. Ich kann nur sagen...mit 66 Jahren da faengt das Leben an, oder wie war das. Respekt. Sie hat sich sogar mit Hilfe eines anderen Travellers, da sie wohl keinen Reisefuehrer hat, das kyrilische Alphabet aufgeschrieben und mit Beispielwoertern, z.B. Orte, die sie vom Zugticket kannte, praktisch erklaert. In Listwjanka angekommen,laden wir die Gute an ihrer Unterkunft aus und ich werde sogar noch zu der Adresse gefahren, die mir Im-Ja in Moskau gegeben hat. Keiner will mir eine Unterkunft aufschwatzen, was ich erwartet haette, in Russland heissts wohl eher: "Wer nicht will der hat schon und gut ist's." Das eigentliche Dorf liegt in 2 Taelern, die sich von der Hauptsrasse am See entlang, rechtwinklig den Berg hinauf ziehen. An der Hauptstasse gibt es ein paar Laeden, Pensionen und einige prunkvolle Anwesen, die vom Stil her gar nicht in die Gegend mit den traditionellen Holzhaeuschen passen. Sieht aus wie eine Mischung aus Beverly Hills Villa und Maerchenschloss in Rosee, nur fehlt irgendwie der Garten. Sweta meint spaeter: "Mafia". Man merkt, dass sich auch hier der Tourismus noch staerker entwickeln wird.
Ich stehe nun in einer der Strassen,die vom See den Hang hinauf ins eigentliche Dorf fuehren, gehe durch das Tor und werde gleich von lautem Bellen begruesst, wenig spaeter schaut eine aeltere Frau um die Ecke, macht die Geste fuer Schlafen, ich nicke und werde hineingebeten, eine etwas juengere Frau, Lena, die Englisch und Deutsch spricht erklaert und zeigt mir alles. Den kleinen schmalen Anbau neben dem schiefen Holzhaeschen mit 2 Betten, Tisch, Stuhl und Handwaschbecken. Das Plumpsklo ist durch die Fahne in der hinteren Ecke des wild gewachsenen Gartens auszumachen.Die beiden nehmen mich und ein paar Eimer mit zum Brunnen, der ein paar Meter weiter an der Strasse ist. Die Eimer werden gefuellt und in mein Zimmer gebracht, zum waschen und Trinken, lecker sagen sie. Ich bekomme noch einen alten Tauchsieder, um mir Tee zu kochen. Im ersten Moment frage ich mich, ob das die richtige Entscheidung war hierher zu kommen,ist doch etwas ungewohnt im ersten Moment. Ich frage, ob ich irgendwo im Garten in einer Ecke duschen kann, da ich ja fuer solche Faelle meinen Wassersack mitgenommen habe, aber der Garten ist doch zu klein und vollgepflanzt und ich darf mich in der kleinen Waschkammer von Swetlana (Sweta) waschen. Dafuer wird auf dem Gasherd ein Eimer mit Wasser angeheizt und dann wasche ich mich ueber einer Waschschuessel in dem winzigen Eck. Nach der Zugfahrt haette ich mich schon ueber eine Dusche gefreut, aber nochmal losziehen und mehrere Kilometer ans andere Ende des sich 6 km am Ufer des Sees langzieheenden Dorfes laufen wollte ich auch nicht. Und eigentlich ist es ja auch halb so schlimm, musste ja Jahrhundete so gehen, Hauptsache ueberhaupt eine Waschmoeglichkeit, wer weis was mich auf der Reise noch so alles erwartet. Mit dem Rest des warmen Wassers, wasche ich meine Waesche im Garten und spuele sie dann im Bach hinter dem Haus und haenge die Waesche im Garten auf. Sweta zeigt mir den Daumen und sagt: Maladjez (was soviel heisst, wie "gut gemacht" oder "Prachtkerl"). Was sie wohl gemeint haben mag ? Irgendwie fand ich das echt romantisch mit der tollen Aussicht auf den Berghang gegenueber. Als ich alles fertig habe bekomme ich von Sweta noch einen Wilkommenstee, eine selbstgemachte Pirogge und eine Tannenzapfen, mit dem ich nicht so richtig was anzufangen weiss. Lena fragt mich, ob ich mit in den Wald kommen moechte um Pilze und Zedernzapfen (aha!) zu sammeln. Gegen so viel Herzlichkeit habe ich natuerlich nichts einzuwenden und wir wandern los in den sich am Ende der Strasse endlos hinziehenden sibirischen Wald. Ich erfahre, dass Lena Lehrerin ist und wie das Maedchen im Bus an der Sprachuniversitaet von Irkutsk studiert hat. Sie erklaert mir, wie ich die Zedern von den Kiefern unterscheiden kann und wir werden schnell fuendig, nebenbei finden wir noch etliche Pilze und nach einer Stunde haben wir jeweils eine Tuete mit den Fruechten des Waldes voll. Lena erzaehlt,dass sie mit einer russischen Reisegruppe in Deutschland war und ihr Reiseleiter ueber den groessten Wald in D berichtete, wobei die Russen sich das Lachen nicht verkneifen konnten. Wenn es eins in Rssland im Ueberfluss gibt, ist es Wald und ueber die Ausmasse konnte ich mir ja auf der Zugfahrt ein Bild machen. Zurueck im Swteni Dom bekommen wir ein leckeres Essen mit Bratkartoffeln Blumenkohl und Wuerstchen, das wir in der Sitzecke im Garten mit der graniosen Aussicht geniessen. Ich bin satt und rundum zufrieden. Ich frage Lena, ob ich in mir in den naechsten Tagen was kochen koenne, da die Kost in Moskau bisher eher eintoenig war, worauf sie meint, dass Sweta immer gern fuer ihre Gaeste kocht und ich mir darueber keine Sorgen machen soll. Lena zeigt mir noch die Galerie, die neben Swetas Haus Bilder sibirischer Kuenstler, darunter auch einige von Sweta, ausstellt, bevor sie nach Irkutsk abreisen muss.Ich gehe nochmal los das Dorf erkunden,vorbei an dem Volltrunkenen, der komatoes am Starssenrand liegt, knacke unterwegs die Zedernkerne, die fast wie Pinienkerne schmecken und kaufe mir im naechsten Magasin etwas Baikalskaja Woda. Als ich trinkend an der Strasse stehe, kommen Carlo und Luc entlangeschlendert. Manchmal wird man auch fuendig ohne zu suchen, denke ich. Wir naschen zusammen von den Kernen und wandern ein wenig an den Haengen am Ende des Dorfes entlang, geniessen die Aussicht auf den Baikal und beobachten die Einheimischen beim Feuer machen und picknicken. Der Abend klingt mit einem Bier am Bootsanleger, wo etliche Staende die Omulfische raeuchern, und einem schoenen Sonnenuntergang aus...was braucht man mehr.
Nach Sonnenuntergang wird es sehr schnell merklich kuehler und ich kuschele mich in der Nacht tief in meinen Schlafsack, waehrend die Abendunterhaltung der Hunde des Dorfes durch das Tal hallt. Erst gegen 9:00, wenn die Sonne ueber den Berg steigt, werden die Temperaturen wieder sommerlich warm und ich wandere die naechsten Tage in der Umgebung herum,geniesse die luft und schoene Natur, probiere von dem Omul, der lokalen Spezialitaet und sammele mich ein wenig. Schmetterlinge und Libellen flattern umher, Eichhoernchen klettern durch die Baume. Abends wartet auf mich ein leckeres Essen mit dem was Swetas Garten hergibt, einfach aber lecker und vor allem viel Gemuese, was ich nach der Zugfahrt schon vermisst hatte. Pelmeni, die ich bis dato noch nicht hatte, gabs natuerlich auch einmal, um mein Russlanderlebnis etwas zu komplettieren, da es ja schon keinen Wodka gab. Ich lese etwas in Swetas Gedichten, die ein anderer Deutscher, der sie alle paar Jahre besuchen kommt, uebersetzt hat. Neben dem Schreiben malt sie auch Bilder, die die Waende ihres kleinen Hauses fast vollstaendig bedecken. Abends versuchen wir mit Woerterbuch und meinem minimalen Russischwortschatz ein paar persoenliche Dinge auszutauschen. Ich erfahre, dass sie frueher Modedesignerin in einer Fabrik in Irkutsk war und vor 20 Jahren genug hatte und raus an den See gezogen ist. Sie hat fast alles selbst gebaut und steht ihre Frau seit vielen Jahren. Doch sie meint, sie ist gluecklich braucht nicht mehr als etwas Essen, Tee und ihre Zigaretten mit dem Stalinbildnis drauf. Ironischerweise die billigsten die es gibt, die Karo Russlands fuer 2,50 Rubel die Schachtel. In einer Nacht findet nebenan eine Hochzeit statt, es wird laut durchs Mikrofon das Brautpaar gepriesen, gesungen (mit Gaensehaut fuer mich durch das gewaltige Echo im Tal) und fuer unsere Verhaeltnisse alte Musik mit viel Bass gespielt (z.B. der Russentechno Remix von Dr. Albans It's My Life) Ein weiterer Hit der mir mehrmals begegnet ist ein Remix, natuerlich extrem basslastig vom guten alten Axel F. Beverly Hills Cop Theme. Sweta war von der Lautstaerke nicht so begeistert, da sie wegen der Ruhe dort hingezogen ist. Eine Sache die wohl noch typisch fuer Russland ist, dass man immer wieder Dinge passieren, mit denen man nicht rechnet, manchmal wird man positiv ueberrascht. Wie Sweta sagt "Rossija surprise". Als ich nach der Wanderung auf der alten Bahnlinie, die etliche Kilometer am See entlangfuert, abens mit der Faehre von Port Baikal nach Listwjanka zurueckfahren moechte, sagt die Kasiererin zu mir "Vcjo" (das wars") und ich zeige ihr, dass ich noch zurueck moechte. Sie deutet auf den Kapitaen und sagt irgendwas, das ich nicht verstehe. Laut meinem Reisefuehrer sollte noch ein Boot fahren, aber man weiss ja nie wie aktuell der ist. Ich warte gute 2 Stunden, die Crew laedt irgendwelches Zeug aus, die Sonne geht langsam ueber dem heruntergekommenen kleinen Hafen unter. Ausser mir streunen nur ein paar Hunde herum, ein paar Einheimische stehen herum und machen scheinbar einen Feierabendplausch. Irgendwann kommt die Crew wieder und nimmt mich mit an Bord, ich denke, sie sind so freundlich und fahren mich noch zureuck, da es nur 20 min. sind. Der Kapitaen nimmt mich mit auf die Bruecke, ich bin erfreut, schaue ein paar Minuten herunter und ploetzlich kommen etwa 100 Leute aus einer der Baracken am Hafen. War wohl eine Reisegruppe aus Irkutsk, aber wo die die ganze Zeit gesteckt haben, ist mir unbegreiflich, vorher war kein Mensch zu sehen und ich dachte schon ich muss mir hier ein Zimmer suchen. Naja alles kann man auf Reisen nicht verstehen, dazu haperts ja leider meist auch an der Sprache.
Die Tage vergehen schnell und ich muss mich von Sweta, Dschuk dem Hund, Knoepfchen der Katze und den 3 Huehnern, die im Winter alle mit im Haus wohnen, verabschieden und fahre mit dem Bus wieder zurueck nach Irkutsk, um am Abend den Zug nach Ulan Bator zu nehmen. Irkutsk ist wohl eine der besseren russischen Staeste, hat wie oft ein grosses Leneindenkmal und ich darf am 1. September die jungen Meadchen mit ihren grossen Schleifen im Haar beobachten, es ist erster Schultag. Ueberall laufen gut gekleidete Familien herum, ich komme an einem Schulhof vorbei, es ist gerade eine Art Apell, laute Musik ertoent und die einzelnen Klassen singen nacheinander ihr Lied. Es wird geklatscht, Eltern und Freunde schauen zu, danach verschwinden alle, wohl um was Essen zu gehen und anzustossen. Im Zentralmarkt, spricht mich ein kraeftiger Russe an, der an einem Stand sein Bier trinkt und mir mit sehr gutem Englisch erzaehlt, was er so macht, das er es als Ingenuer schwer hat einen ordentlichen Job zu finden, wie es frueher war usw. Er philosophiert ueber die russische Seele, warum die Leute oft so schlecht gelaunt und nach aussen abweisend sind. Es muss wohl daran liegen, dass die Leute es oft nicht einfach haben, sich mit der Buerokratie rumschlagen muessen und jeder in einer oeffentlichen Position den anderen irgendwie spueren laesst, dass er nichts zu melden hat, was dann wiederum viele ebenso ausleben. Er hoert gar nicht auf zu reden, erzaehlt mir von seiner Kindheit in Sibirien und meint, er wird wohl wieder dort hin zurueck gehen, da sich in der Stadt keine Wohnung leisten kann, Miete ist nicht ueblich und kaufen eben zu teuer. Ein Bier und etwa eine Stunde spaeter geht er mit mir noch eine Runde auf dem Markt ein paar Dinge fuer die Zugfahrt einkaufen und will mich dann noch mit zu seinem Englischprofessor von der Uni bekannt machen, der wohl in der Naehe immer sein Feierabendbier trinkt. Erst meint er es ist gleich hinter dem Markt 100m, als wir draussen sind, meint er nur 3 min und es sind doch viele Leute hier. Mir kommt die Sache spanisch vor und ich sage ihm, dass ich das alles zu stressig finde, mein Zug bald geht und ich nicht noch irgendwo hin moechte, um dann wenig spaeter zum Bahnhof zu hetzen. Er meint "If I would be in yor shoes, I'd do the same" ?! Ich verabschiede mich und ziehe mit gemischten Gefuehlen von dannen.
You need to upgrade your Flash Player
Click here to start downloading FlashPlayer!
|