|
You need to upgrade your Flash Player
Click here to start downloading FlashPlayer!
|
Nach der ganzen Hektik in Moskau war ich froh endlich im Zug zu sitzen, um 4 Naechte und 3 Tage zum Nichtstun verdammt zu sein. In unser 4-er Abteil (Kupee) gesellen sich noch Igor, der etwas juenger als ich ist und Stadtplanung studiert, sein Vater und Natalja, alle drei aus Tschita in Sibirien. Die beiden Maenner schleppen etliche schwere Kartons mit Einkaeufen ins Abteil, sind danach total fertig und sitzen mir schnaufend mit freiem Oberkoerper gegenueber. Papa, wie Igor sagt, scheint etwas schwach auf der Brust zu sein, seine Regenerationsphase dauert ziemlich lange und er sieht nicht wirklich fit aus. Da der Zug um 21:20 abfaehrt passiert an dem Abend nicht mehr viel. Ich gehe mit Igor, der mir gleich ein Bier anbietet, eine rauchen, wir tauschen die wichtigsten persoenlichen Details aus, eben was mein Russisch hergibt. Ich erfahre, dass sie Freunde in der Ukraine besuchen waren und er jetzt wieder zurueck an die Uni muss. Natalja wurde von einem Freund der Familie zum Bahnhof gebracht, der ihr noch einen Strauss Rosen schenkte, die sie in der improvisierten Flaschenvase abstellt. Beim Wettbewerb "Unser Abteil soll schoener werden" haetten wir sicher einen der vorderen Plaetze belegt. Nachdem alles verstaut ist und alle zur Ruhe gekommen sind, geht es auch schon ins Bett, wobei ich wieder das obere habe. So rumpeln wir durch die Nacht und am naechsten morgen schlafe ich erstmal aus. Danach fruehstuecken wir nach und nach, ich wie immer als letzter mit Igor, der mir ein Ei und "Moskowski Provincial" anbietet, was ich nicht ablehe. Ich erfahre, dass das eine Art Mayonaise ist, gehe aber instinktiv davon aus, dass diese gerade geoeffnet wurde, bin mir im nachhinein nicht mehr ganz so sicher. Jedenfalls faengt mein Magen nach nicht allzu langer Zeit an zu rumoren, was allerdings auch an dem Wasser von der Toilette sein koennte, mit dem ich meine Aepfel gewaschen habe. Jedenfalls ist es kein Trinkwasser und irgendwer erzaehlt mir spaeter, dass bei irgendwelchen Tests in Zuegen das WC-wasser meist hochgradig mit Bakterien verseucht war. Eigentlich steht das ja auch in jedem Reisefuehrer, aber ich dachte, dass ein paar Tropfen nicht schaden und mich vielleicht etwas auf die kommenden Bakterien vorbereiten. Wie auch immer, ich finde mich am ersten Tag schon mehrere Male auf der Toilette wieder, zum Glueck gibt es solche Papieraufleger und immer frisches Klopapier. So habe ich erstmal mit meinem Verdauungstrakt zu tun, schaffe es mit Deuten auf meinen Magen die Leckereien, wie fette Wurst und Konfekt groesstentels abzulehen, jedoch steckt mir Natalja das Zeug schon fast in den Mund, da kann man schwer Nein sagen. Wir rollen nach etlichen Stunden immer wieder in einen mehr oder weniger haesslichen Bahnhof ein, an dem die Babuschkas und ein paar Kioske Ihre Waren, wie Getraenke, Brot, Selbstgekochtes, Suessigkeiten und 5-Minuten-Suppen und anpreisen. Ich esse kaum etwas, trinke staendig Tee mit Wasser vom Samovar, der sich in jedem Wagon befindet bzw. Rehydrationsloesung. Gut, dass ich das noch gekauft habe. Irgendwie vergeht der Tag sehr schnell, mit Klogang, Tee zubereiten, etwas Essen, kurz die Beine vertreten, Klogang, aus dem Fenster schauen und zuletzt versuche ich das russische Kartenspiel Dwurak zu verstehen, mit dem die anderen 3 sich die Zeit vertreiben. Leider bin ich bis heute nicht dahinter gestiegen. Ich war auch viel zu lustlos, um mich damit zu befassen. Dann irgendwann wieder schlafen, Klogang, schlafen Klogang usw. nicht so spannend eher anspannend :-(
Am naechsten Tag schlafe ich die auf dem Klo verbrachte Zeit nach und bin erst gegen Mittag aus dem Bett, nach Moskauer Zeit, wobei es wg. der Zeitverschiebung wohl schon ca. 2 h spaeter ist. Der Tag vergeht so aehnlich wie der erste, keine Besserung zu verspueren, ich schaue aus dem Fenster, lese, schaue den anderen beim Kartenspielen zu. Im Wagon sind noch 2 Daenen, mit denen ich mich etwas unterhalte. Sie reisen mit Ihrem 5-jaehrigen Sohn, der die beiden natuerlich auf Trapp haelt. Sie sind im Gegensatz zu mir perfekt vorbereitet, mit Excel-Tabelle in der Daten, Abfahrts-und Ankunftszeiten in Moskauer und lokaler Zeit stehen, mehreren Reisefuehrern etc. Ich habe Gelegenheit ein paar mehr Details ueber meinen naechsten Zug herauszufinden, da mein Reisefuehrer ja nicht so viel hergibt. Wir ueberqueren irgendwann unbemerkt den Ural, die Grenze von Europa nach Asien, wobei die Landschaft noch der deutschen aehnelt und Berge sind auch nicht zu sehen, aber wahrscheinlich war ich an der Stelle gerade wieder auf der Schuessel. Am Abend laedt mich ein Deutscher noch auf ein Bier im Speisewagen ein, der direkt hinter meinem Abteil ist, was ich bis dato noch gar nicht registriet hatte, da ich zu sehr mit mir selbst beschaeftigt war. Wir unterhalten uns etwas ueber unsere Plaene, ich erfahre, dass Carlo mit seinem Freund Luc auf dem Weg nach Shanghai ist, wo die beiden dort fuer mindestens das naechste Jahr arbeiten wollen. Ich frage mich, warum ich wie im letzten Urlaub, als erste Deutsche ein schwules Paerchen kennenlerne. Was sagt Ihr dazu Hartmut, Roland, Alex ;-) ? Wahrscheinlich wirke ich so unvoreingenommen, da ich bisher ja nur liebenswerte Menschen vom "anderen Ufer" kennengelernt habe. Wir verabreden uns locker fuer den naechsten Tag, wir haben ja sonst nicht viel zu tun.
Die Nacht vergeht, was soll ich sagen, wie die vorherige, ich lebe mit mittlerweile wohl so 4 h Zeitverschiebung immer noch nach Moskauer Zeit, da ich meine Uhr auch nicht umgestellt habe und durch das spaete aufstehen ist der Tag natuerlich sehr kurz. Der naechste Tag bringt wieder viel Duennes zu Tage (sorry, aber das war der rote oder besser braune Faden, waehrend der Zugfahrt), wobei sich der Blick aus dem Fenster seit gestern in endlose Birkenwaelder, gespickt mit kleinen Doerfern gewandelt hat. Die russischen Holzhaueser mit ihren gruen oder blau gestrichenen Fensterlaeden praegen das Bild. Davor wilde kleine Gemuesegaerten, Sonnenblumen, Federvieh und hin und wieder ein Auto, das ich seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen habe. Ich stehe stundenlang am Fenster und lasse Muetterchen Russland, wie ich es aus Maerchen und meiner Phantasie her kenne, vertraeumt an mir vorbeiziehen. Ab und zu halten wir in einer der vielen tristen Industriestadte ala Barabinsk, die fuer den Abbau von Rohstoffen aus dem Boden gestampft wurden. Wenn ich diese Orte sehe, kann ich mir die etwas melancholische und manchmal lustlos traege Stimmung, die den Russen nachgesagt wird, vorstellen. Und im Winter ist es dazu noch bitterkalt, keine schoene Vorstellung. Auf dem Lande ist es sicher noch haeter, aber vielleicht kann einen die Ruhe und Schoenheit der Natur etwas troesten, wahrscheinlich muss man sich nur damit abfinden koennen und nach dem russischen Motto: "Abwarten, es wird schon irgendwann besser" leben. Mittlerweile ist in mir die Entscheidung gereift, nicht erst in Irkutsk zu uebernachten, sondern gleich zum Baikalsee zu fahren und mich etwas zu entspannen. Am Abend gehe ich mit Carlo und Luc noch ein Bier trinken und die beiden bieten mir an evtl. mit ihrem bereits gebuchten Transport nach Listwjanka mitzufahren.
In der naechsten Nacht geht es mit meiner Gesundheit aufwaerts und ich kann die letzten Stunden vor Irkutsk noch durchschlafen. Gegen 6:00 weckt mich unser Abteil-Konduktor durch Klopfen ans Abteil, bis ich Zeichen gebe, dass ich wach bin. Igor wacht auch auf und hilft mir noch meinen fetten Rucksack aus der Ablage zu wuchten. Ich raffe alles zusammen und packe den Rest auf dem Gang, um die anderen nicht zu wecken. Ich wuensche Igor, der gerade von der Toilette zureuck kommt noch alles Gute und eine Gute Reise und steige gegen 7:00 in Irkutsk aus. Alles in allem verging die Zeit doch recht schnell, Wodka musste ich nicht trinken, waere aber im Nachhinein aus Desinfektionssicht vielleicht gar nicht so schlecht gewesen. Das Leben im Abteil ist wirklich unkompliziert, da sich alle gegenseitig helfen und wenn sich jemand umziehen will, gehen die anderen dezent fuer ein paar Minuten raus.
You need to upgrade your Flash Player
Click here to start downloading FlashPlayer!
|